Die Prinzessin aus Pandalusien

Es lebte einst eine Prinzessin in einem Land, das heute schon lange in Vergessenheit geraten ist und deren Geschichte ich auf meinen Reisen von einem alten Mann erzählt bekam.
 

Ihr Name war Christine und sie war, mag man es nun glauben oder nicht, mit solchem Glück versehen, dass sie nicht nur eine Prinzessin und damit reich war, sondern auch noch klug und schön. Ja man erzählte sich, sie war das schönste Mädchen im Land und sie kleidete sich immer so geschmackvoll und ausgefallen, dass sie an keinem Tag so aussah, wie an dem anderen. Aus diesem Grund nannten sie auch viele ihrer guten Freunde Cameolia.
 
Wie es mit Prinzessinnen so ist, lebte sie eine ganze Weile glücklich und zufrieden in dem Land und dem Schloss ihrer Eltern. Eines Tages begab es sich, dass ein Drache sich in der Nähe des Schlosses niederließ und die Ritter des Landes, einer nach dem Anderen ihren Mut beweisen und den Drachen besiegen wollten. Doch jedesmal flog der Kopf des Mutigen mit samt dem Helm in hohem Bogen aus der Höhle des Drachens und jedesmal, wenn dies geschah weinte die Prinzessin um das verlorene Leben, welches zu Bedauern war. Ja – mit jedem Ritter, der in der Höhle sein Leben ließ wurde die Prinzessin, die sonst immer so fröhlich und lustig war, ein wenig trauriger.
 
Zuerst bemerkten es nur die besten Freunde von Cameolia, aber es dauerte nicht lang, da sahen es auch ihre Schwester, ihre Eltern und insbesondere ihr Vater. Es dauerte ihren Vater so sehr, dass er eines Tages selbst beschloss in die Höhle des Drachen zu ziehen. Mit mehreren Vasallen zog er am Morgen noch bevor die Sonne aufging los, um den Drachen zu stellen.
 
Der Kampf dauerte 7 Tage und 7 Nächte und in der 7ten Nacht, flog der Kopf des Vaters aus der Höhle in hohem Bogen direkt in den See vor dem Tor des Schlosses und das Wasser färbte sich rot wie Blut es nur färben kann. Da war es des Jammerns und Wehklagens im Lande Andalasiens groß und die Königin Mutter setzte eine Belohnung für alle Prinzen der benachbarten und auch fernen Länder aus, dass dem, der den Drache töte das halbe Königreich und die Prinzessin Christine versprochen wäre.
 
Aus vielen angrenzenden und auch aus fernen und noch ferneren Ländern kamen nun die Prinzen angereist. Doch die meisten erstarrten bereits zu den sprichwörtlichen Salzsäulen, als sie nur den tiefroten See erblickten, der ihre Glieder vor Angst erstarren ließ. Prinzen sind, dies sei an dieser Stelle bemerkt bei weitem nicht so mutig, wie Ritter. Als sich kein Prinz fand, der den Mut aufbrächte mit dem Drachen zu kämpfen, da entschied sich die Königin Mutter, auch Ritter und Vasallen für den Kampf zuzulassen. Doch die meisten Ritter des Landes waren entweder bereits ihren Kopf los oder hatten keine Lust ihn bei einem aussichtslosen Kampf gegen einen Drachen zu verlieren.
 
Eines Tages kam ein junger Wandersmann an dem roten See vorbei und wollte sich eigentlich an ihm erfrischen, doch als er sah dass er blutrot war hielt er inne. „Was ist denn hier passiert“ frage er sich. So etwas hatte er noch nicht gesehen und entschied sich ins Schloss zu gehen, um sich dort zu erkundigen, was es damit wohl auf sich habe. In einem nahe gelegenen Wirtshaus erzählte man ihm die Geschichte. Von der wunderschönen Christine und dem Drachen und den furchtbaren Kämpfen, die sich hier seit vielen, vielen Jahren zutrugen.
 
„Das muss ein Ende“ haben, sagte Joseph, der Wandersmann und marschierte, sein Bündel fest im Griff, aus der Stadt hinaus, zur besagten Höhle des Drachen hin. Da es schon spät war, schlug er nicht weit von der Höhle entfernt ein Lager auf, um dort die Nacht zu verbringen. Er hatte sich gerade hingelegt, da vernahm er aus der in der Nähe gelegenen Höhle ein Mark und Bein durchdringendes, furchtbares Gejaule, Gestöhne, Geächze und Gejammere. Joseph stellten sich alle Nackenhaare auf, als er merkte, dass diese Laute auf merkwürdige Weise, Worte formten, die etwa folgendes zu Jaulen schienen: Auuuhhhh …, Auhhhhh – mein Zeeeh ...“. Könnte es sein, dass der Drache Hilfe benötigte? Achhh ... was gäbe ich wenn dieser Schmerz nachließe ...“ vernahm Joseph weiter. Mit schlottrigen Knien, ging er zur Höhle hin, um sich das Ganze aus der Nähe anzuschauen.
 
Dort lag der Drache auf dem Rücken liegend, seinen rechten Fuß mit seinen Vorderläufen etwas behäbig und tollpatschig haltend. Eine dicke gelbe Eiterbeule war selbst in der Dunkelheit der Nacht unschwer am Großzeh des Drachenfußes zu erkennen. Neugierig trat Joseph etwas zu weit aus dem Schatten des Eingangs, als ihn der Drache auch schon bemerkte, sich auf seine Füße rollte und sich in Angriffsstellung begab. Joseph blieb das Herz stehen. Doch dann fasste er Mut und sprach den Drachen an. „Drache! ich habe gehört dass ihr Schmerzen habt und ich möchte nur ungerne gegen einen Drachen kämpfen, der nicht im Besitz all seiner Kräfte ist.“ „Ich zermalme Euch auch mit nur einer Hand“ entgegnete der Drache wütend. Joseph lies sich seine Angst nicht anmerken. „Drache, ich gebe zu bedenken, dass, falls ich Euch nun doch besiegte ein solcher Sieg nicht sonderlich ruhmreich wäre.“ Der Drache war vor so viel Edelmut ein wenig angetan und setzte sich langsam und vorsichtig zu Boden. „Ihr habt Recht und wenn ich ehrlich bin, eigentlich habe ich gar keine Lust mehr zu kämpfen – viel lieber würde ich ein wenig herumfliegen, wie ich es früher getan habe. Diese Wunde plagt mich schon mehrere Jahre und ist auch der eigentliche Grund, warum ich hier bin. Ich kann nämlich nicht mehr Landen, wegen dieses schmerzenden Zehs. Joseph antwortete: „Ihr würdet weiter fliegen, wenn der Zeh nicht mehr schmerzte? Und dieses Land verlassen?“ „Ja“ antwortete der Drache - „das würde ich. Es ist tatsächlich sehr, sehr langweilig hier. Ich liebe es durch die Lüfte zu fliegen und im Meer zu baden.“ Joseph nickte, „ich verstehe, nun – dann werde ich sehen, ob ich euch helfen kann – In drei Tagen werde ich zurückkommen – bis dahin müsst ihr euch noch Gedulden“.
 
Als Joseph die Höhle verlies, brach der Morgen bereits an und aus dem Inneren hörte er die Schmerzensschreie des Drachen. Wo sollte er jetzt so schnell einen Heilkundigen auftreiben, noch dazu einen, der sich mit Drachen auskennt. „Vielleicht habe ich ja Glück“ dachte er bei sich und ging ins Dorf auf den Marktplatz und hielt nach einem Heiler Ausschau. Nun Heiler und Kurpfuscher gab es in diesen Zeiten viele. Manche wussten mehr und manche konnten weniger, aber mit Drachen, kannte sich keiner aus. Er befragte viele und wanderte auch in die benachbarten Dörfer, aber einen Drachen hatte bisher keiner gesehen, geschweige denn geheilt.
 
Nach einigen Tagen ging er mutlos und betrübt zur Höhle zurück und erzählte dem Drachen von seiner erfolglosen Suche. Der Drache seufzte und antwortete dem Wandersmann: „Meine Mutter hat mir erzählt, dass die Tränen von Prinzessinnen magische Heilkraft besäßen – allerdings nur, wenn diese aus ehrlichem und aufrichtigem Grund vergossen würden.“ „Zufällig lebt hier eine Prinzessin ganz in der Nähe“ sagte Joseph. „Ja, aber bedenkt – die Tränen müssen aus ehrlichem und aufrichtigem Grund vergossen werden – sonst wirken sie nicht“. „Ich werde es beachten“ entgegnete Joseph und machte sich zum Schloss auf.
 
Im Schloss angekommen, bat er die Königin Mutter darum, Prinzessin Christine für eine halbe Stunde sehen zu dürfen, um mit ihr zu sprechen. Der Wunsch wurde ihm genehmigt und man führte ihn durch verschiedene Türen, Gänge, hinauf und hinunter, bis er vor ein Kammer stand, in die er sodann eintrat. Joseph hatte Christine bisher nur auf Bildern und Gemälden im Schloss gesehen, aber noch nicht von Angesicht zu Angesicht. So kam es auch, dass es ihm für einige Minuten die Sprache verschlug, welches nach einiger Zeit von einem herzhaften, jauchzenden Lachen von der Prinzessin unterbrochen wurde, weil sie das verdatterte Gesicht von Joseph doch sehr amüsierte. Joseph hatte sich von einem Augenblick zum anderen in Christine verliebt und stammelte nun etwas vom Drachen und dem Fuß und einer Eiterbeule und irgendwie gelang es ihm nicht, die Geschichte traurig zu erzählen, sondern die Prinzessin musste mehr und mehr lachen, so ulkig fand sie das Gesicht, dass Joseph dabei machte.
Joseph versuchte es damit ein sehr ernstes Gesicht zu machen und versuchte sich zu fassen, indem er sich auf sein Versprechen, dass er dem Drachen gegeben hatte, konzentrierte. Endlich gelang es ihm die Tragweite seiner Angelegenheit zur Sprache zu bringen. Während er seine Geschichte erzählte, hörte die Prinzessin ihm zu und auf einmal verstand sie und wurde nachdenklich. „Lass uns zu dem Drachen aufbrechen … “, sagte sie, ... ich komme mit!“.
 
Joseph und Christine gingen nun zusammen zu der Höhle des Drachens. Der Drache schien zu schlafen, denn ein lautes Schnarchen ertönte aus der Höhle. Als sie das Innere betraten, fielen einige Sonnenstrahlen auf eine goldene Krone, die in einer Ecke lag. „Die Krone meines Vaters ...“ entfuhr es Christine und in dem Moment, als sie sie aufhob und in ihren Händen hielt, fing sie an zu weinen. Zuerst liefen nur ein paar Tränen über ihre Wangen, doch nach kurzer Zeit wurden aus den Rinnsälen, Sturzbäche, die sich über ihre Hände ergossen und überliefen. Der Drache der bis vor kurzem noch geschlafen hatte, war mittlerweile erwacht und schaute die weinende Prinzessin an und sagte: „Liebe Prinzessin, es tut mir sehr Leid um euren Vater und ich würde es gerne ungeschehen machen, doch Drachen müsst ihr Wissen leben ein sehr unsicheres und gefährliches Leben. Wir lernen uns zu verteidigen und mehr kann ich zu meiner Entschuldigung auch nicht vorbringen“. Danach senkte der Drache traurig seinen Kopf und schaute beschämt zu Boden. Doch die Prinzessin verstand schon und legte ihre mit Tränen benetzten Hände auf den geschwollenen Zeh des Drachen. In diesem Moment platzte die Eiterbeule auf und der Drache viel wie Tod zu Boden. Zuerst dachten Joseph und Christine, dass dies seine Ende wäre, doch sie hörten ihn noch atmen. Mehrere Wochen brachten sie dem Drachen Wasser, kauften Heilkräuter in der Nähe auf dem Marktplatz, solange bis es dem Drachen immer besser und besser ging. Die Wunde am Zeh war bereits verheilt, als eines Tages der Drache aus seinem langen Schlaf erwachte und die Prinzessin anblickte. „Danke“ sagte er. Ich stehe in eurer Schuld.
 
Es vergingen noch ein paar Monate, da saß der Drache eines Tages vor der Höhle und bewegte seine Flügel. Und noch ein paar Tage später flog er wieder über das Königreich Andalasien. Christine bat den Drachen darum, das Wasser des Sees auszutauschen und der Drache flog solange zwischen dem Meer und dem See hin und her, bis der See wieder klar war. Das Meer heißt heute übrigens das Rote Meer.
 
Joseph und Christine heirateten noch im selben Jahr und an ihrem Hochzeitstag besucht sie noch heute ihr Freund der Drache.

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